Nach Mitternacht die Ehrlichkeit.
SMS nach Mitternacht - 1. Juli 2011Eine SMS nach Mitternacht und zu viel Alkohol ist wohl die ehrlichste Art mit einem Menschen zu kommunizieren. Nüchtern ist Ehrlichkeit ein Privileg. Betrunken ein Volkssport. Der Morgen danach mit verklebten Augen schweifend über den Ordner Gesendet und der Frage, ob man DAS wirklich geschrieben hat, ist dann sozusagen ehrlich Scheisse aber Wirklichkeit.
Ich war in der Alten Börse unterwegs. Die Balance war weg, meine Freunde irgendwo und das Bier fest in meiner Hand. Besser nicht, aber doch: Es war an der Zeit einem Verflossenem zu schreiben. 03.25 Uhr. Ein potenzieller Stecher hätte ich nun auch gefunden, aber welcher Mann wäre schon keiner um diese Zeit. Mit den Verflossenen teilt man zumindest noch das ein oder andere Hemd und ein Lied zu welchem man, wenn es hoch kommt, noch einmal knutschen könnte. Wenn man die Augen zwar genug fest zudrückt, klappt’s auch bei denen, die nicht mal einen Namen haben. Ich schrieb also meiner Vergangenheit um was es mir ging und setzte dazu noch aufs Ehrlichsein mit allem drum und dran. Dass ich ihn vermisse, die Liebe immer noch hier ist, aber es so nicht weiter gehen könnte. Eigentlich hätte ich beim letzten Satz bemerken sollen, dass ich das Schreiben sein lassen sollte. Schließlich ist es bereits seit 6 Monaten nicht mehr weitergegangen, er lebt mit einer Neuen, ich mit mir selbst. Die Neue war der Galgen meiner Gedanken und ich war mir sicher, dass es mir noch nie so schlecht im Leben gegangen ist. Ich bestellte mir den nächsten Suff und setzte mich im Fumoir zu Boden. Zerzauste Haare. Zerrissene Strümpfe. Kniend. Handy in der einen Hand, Kopf und Bier geneigt in der andern. Wenn mich meine Mutter wieder so sehen würde. Ich schickte das SMS ab, weil man in diesen Momenten einfach das tun muss, was man eben tun muss. Nach kurzer Befreiung meiner Gefühle kam dann die Bekehrung. Was tu ich denn hier eigentlich? Ich wollte den Schuss in den Ofen noch irgendwie retten und scheiterte. Das Telefon lief zu Grund, Akku und Cover waren getrennt und mindestens 1 Meter voneinander entfernt. Die Operation an der offenen SIM-Karte konnte also meiner Meinung nach warten. Ich liess das Zeug liegen, zündete mir eine Zigarette an und schaute mir die Wand genauer an. Das Andere war alles gegen mich. Ich hatte Mitleid, zuerst mit mir, dann mich meinem Mobile. Immerhin gehört es zu meinem engsten Freundeskreis. Ich nahm den fast letzten Schluck aus der Flasche und versuchte das Ding mit Müh und Not zusammenzuflicken. Es klappte. Das Einstellen war dann irgendwie schwierig, da hier die Geschichte mit dem 2mal falsch und 1mal gedacht richtigen Pin Code kam. Der PUK musste her und denn wusste ich um Gotteswillen sicher nicht. Da war ich also. Mit Handy aber irgendwie auch ohne, einer knapp leeren Flasche Bier, keine Freunde, keine Liebe und einer SMS, die es so nicht hätte geben sollen. Zurück kam schlussendlich nichts. Wohl auch besser so.

Samstag, 3. September 2005